Am Zürcher WordPress Meetup vom 4. Dezember 2025 hat Anne-Mieke Bovelett einen Vortrag gehalten, der sich weniger wie eine klassische Präsentation und mehr wie ein gemeinsamer Reality-Check angefühlt hat: Wie benutzbar ist das Web wirklich – und für wen eigentlich?
Sie hat sehr persönlich begonnen: Obwohl sie seit 1997 Websites baut, kam für sie vor rund fünf Jahren der «Wake-up-Call», dass sie – ohne es zu merken – vielen Menschen die digitale Tür zugeschlagen hatte. Auslöser war eine Geschichte aus ihrem Feed: Eine Frau schrieb, dass ihr Vater sie weinend angerufen habe, weil er das Web ohne Hilfe nicht nutzen könne und sich digital «unerwünscht» fühle. Für Anne-Mieke wurde daraus ein Anstoss, tief in Barrierefreiheit einzusteigen – ein Rabbit Hole, aus dem man so schnell nicht wieder rauskommt.
Barrierefreiheit ist kein Nischenthema – und nicht nur «für blinde Menschen»
Ein zentraler Punkt: Barrierefreiheit wird oft auf Blindheit reduziert. Anne-Mieke hat das konsequent aufgebrochen und viele weitere Gruppen sichtbar gemacht: Menschen mit Legasthenie, Farbsehschwächen (u. a. Rot-Grün-Schwäche), Tunnelblick, Lichtempfindlichkeit, neurodiverse Menschen (sie sprach offen über ADHS), aber auch ganz alltägliche Situationen: grelles Licht in der Sonne, zu wenig Schlaf, oder schlicht ein «dicker Kater» – alles Faktoren, die «schlechte Usability» plötzlich zu einem echten Problem machen.
Ihr Bild dafür war eingängig: Eine Website kann sich anfühlen wie ein Laden, der «miefelt» – man merkt vielleicht nicht bewusst, warum, aber man will einfach nur raus. Und genau dort verliert man Conversions, Rankings und Vertrauen.
Der Business-Case: «Der Gewinn, den du liegen lässt»
Anne-Mieke hat bewusst mit dem Argument gearbeitet, das in Unternehmen am schnellsten wirkt: Geld. Nicht aus Zynismus, sondern pragmatisch. Ihr Tenor: Warum jemand Barrierefreiheit macht, ist zweitrangig – Hauptsache, es passiert.
Dazu brachte sie Zahlen aus einem SEMrush-basierten Research mit (10’000 Websites, gemeinsam analysiert mit accessibilitychecker.org und BuiltWith):
- Über 70% der untersuchten Websites erfüllten die aktuelle Barrierefreiheits-Richtlinie nicht.
- Websites mit besserer «Compliance» zeigten +23% Traffic-Steigerung.
- Nach Verbesserungen stieg das Keyword-Ranking um 27%.
Ihr Argument war dabei nicht «Perfektion», sondern Progress over Perfection: Viele Probleme seien relativ einfach zu beheben – und selbst kleine Fixes (z.B. Kontrast) können spürbar auf User Flows, Conversion und damit indirekt auch auf SEO einzahlen.
Functional Design beginnt vor dem Pixel-Pushen
Ein wiederkehrendes Motiv war «Functional Design»: Gestaltung ist nicht nur «schön», sondern muss funktionieren – und zwar von Anfang an, idealerweise schon in der Konzeptphase. Anne-Mieke war dabei bewusst streng mit unserer WordPress-Realität: Page Builder, Patterns, «schnell was zusammenbauen» – das geht, aber Barrierefreiheit zeigt gnadenlos, wo es bricht.
Sie hat auch eine Lanze dafür gebrochen, Design wieder stärker als eigenständige Disziplin zu sehen (statt alles «im Browser zu designen»). Wer mit Tools wie Figma oder Adobe XD arbeitet, kann dort bereits früh Kontraste prüfen (z. B. via Plugins) – und spart später teure Korrekturschleifen.
Kontrast, Fonts, Fokus – die Klassiker, die richtig weh tun
Sehr konkret wurde es bei den typischen «Low-Hanging Fruits», die trotzdem ständig übersehen werden:
- Farbkontrast: Corporate Colors sind kein Argument, wenn interaktive Elemente dadurch unlesbar werden. Die Botschaft war klar: Marke darf bleiben – aber funktionale Elemente müssen funktionieren.
- Fokus-Outline: Der «hässliche blaue Ring» ist kein Bug, sondern Orientierung. Wer ihn entfernt, erzeugt für Tastaturnutzende ein echtes Problem. Man kann ihn gestalten – aber nicht einfach wegoptimieren.
- Font-Sizing in Pixeln: Ein besonders anschauliches Beispiel war das Verhalten einer Website, wenn im Browser «nur Text» vergrössert wird. Wenn Schriften hart in px fixiert sind, skaliert der Text nicht sauber – und Menschen, die darauf angewiesen sind (häufig ältere Nutzende), bekommen kaputtes Layout statt Lesbarkeit.
Interaktiv testen: Tools helfen – aber manuelles Testen ist der Gamechanger
Ein wichtiger Teil des Abends war das gemeinsame Testen. Anne-Mieke hat klar gemacht:
- Automatisierte Tools finden grob 30–35% der Probleme (Kontrast, fehlende Alt-Texte, Heading-Fehler etc.).
- Die «echten Fallen» entdeckt man erst bei Tastatur-Navigation, Focus-Logik, Popups, Skip-Links, Keyboard Traps und im Zusammenspiel mit Screenreadern.
Genannt und gezeigt wurden u. a.:
- WAVE (WebAIM) als schnelle, visuelle Prüfung inkl. Score/Benchmarking
- Axe DevTools als verbreitetes Testing-Werkzeug
- Colorshark für Kontrast-Checks und «Minimum-Werte» (WCAG A / AA / AAA)
- Accessibility Checker von Equalize Digital (WordPress-Plugin, serverseitig; kostenlos in .org, erweitert in der Pro-Version u. a. für Custom Post Types)
Besonders hängen blieb: WCAG sind Richtlinien, nicht Magie. Ein «AAA-Kontrast» kann für lichtempfindliche Personen trotzdem unangenehm sein. Barrierefreiheit heisst nicht «alles maximal», sondern klug, ruhig und kontrollierbar gestalten.
Screenreader-Demo: anstrengend – und genau deshalb wichtig
Viele im Raum hatten schon mal mit Screenreadern «rumgespielt» – und fanden es frustrierend. Anne-Mieke hat das eingeordnet: Wer sehen kann, wird Screenreader nie so effizient bedienen wie jemand, der täglich darauf angewiesen ist. Das Ziel beim Testen ist nicht, Profi zu werden – sondern zu prüfen, ob Kernfunktionen wirklich nutzbar sind.
Sie zeigte u. a., warum:
- eine korrekte Sprachdeklaration (lang-Attribut) entscheidend ist, damit Screenreader richtig aussprechen,
- Navigationen idealerweise als Listen strukturiert sind (weil Nutzende so «hören», wie lang der Weg ist),
- Popups den Fokus sauber führen müssen (Close-Button sofort erreichbar, Escape funktioniert),
- Skip-Links kein «Theme-Bug» sind, sondern ein essenzieller Shortcut, damit man nicht immer wieder durchs Mega-Menü muss.
Mythos zerstört: Barrierefreiheit muss nicht langweilig sein
Ein grosser Mythos, den sie aktiv angegangen ist: «Wenn es barrierefrei ist, kann es nicht schön sein.»
Als Gegenbeispiel zeigte sie, dass moderne, farbige, animierte Interfaces trotzdem barrierearm funktionieren können – wenn Animationen sparsam eingesetzt werden und Nutzer-Einstellungen wie Reduce Motion respektiert werden. Die Einschränkung sei nicht Barrierefreiheit, sondern mangelnde Kreativität.
Nebenbei: WordPress-Ökosystem und Verantwortung
Spannend war auch der WordPress-Bezug: Anne-Mieke erwähnte, dass es im Ökosystem konkrete Tools gibt, um Barrieren systematisch zu reduzieren – und dass Fortschritt oft von Einzelnen getragen wird, die an Accessibility-Fixes arbeiten und die Community verbessern.
Die wichtigsten Takeaways in einem Satz
Barrierefreiheit ist kein «Nice to have», sondern Functional Design, das Conversions rettet, SEO stützt, rechtliche Risiken reduziert – und vor allem: Menschen nicht ausschliesst.
Wenn du für deine eigenen Projekte nur drei Dinge aus dem Abend mitnimmst, dann diese:
- Teste jede Website mit Tab-Taste (und achte auf Fokus, Reihenfolge, Escape, Skip-Links).
- Fixe Kontrast und Schriftgrössen so, dass Menschen auch bei Text-Zoom klarkommen.
- Nutze Tools als Einstieg – aber verlasse dich nie nur auf automatisierte Scores.
